Kinderwunsch und Partnerschaft: Wenn ihr dasselbe wollt, aber anders fühlt
Vielleicht kennst du diese Situation: Der Schwangerschaftstest ist negativ und für dich bricht gerade eine kleine Welt zusammen. Du möchtest reden, dich anlehnen oder einfach hören: Ich weiss, wie weh das gerade tut.
Dein Partner reagiert anders. Vielleicht sagt er wenig, geht zur Arbeit, macht Abendessen oder fragt schon, wie es im nächsten Zyklus weitergeht. Und während du noch mitten in deiner Enttäuschung steckst, fragst du dich plötzlich: Warum scheint ihn das nicht so zu treffen wie mich? Ihr wollt doch beide ein Kind. Ihr hofft auf dasselbe. Und trotzdem kann es sich manchmal anfühlen, als würdet ihr diesen Kinderwunsch auf zwei völlig unterschiedlichen Wegen erleben.
Gerade bei einem unerfüllten Kinderwunsch kann das sehr einsam machen. Nicht unbedingt, weil dein Partner nicht für dich da ist oder ihm euer Wunsch weniger bedeutet. Sondern weil ihr mit Hoffnung, Angst und Enttäuschung vielleicht ganz unterschiedlich umgeht.
Und genau darum geht es in diesem Artikel: Warum ihr dasselbe wollen und trotzdem anders fühlen könnt und was euch helfen kann, euch in dieser Zeit nicht aus den Augen zu verlieren.
Warum ihr denselben Kinderwunsch so unterschiedlich erleben könnt
Vielleicht möchtest du nach einem schwierigen Termin darüber sprechen, was die Ärztin gesagt hat, wie es dir damit geht und was dir gerade durch den Kopf geht. Dein Partner sagt dagegen nur: Wir schauen jetzt erst einmal, was passiert. Oder du liegst abends wach und denkst schon darüber nach, was ihr macht, wenn es auch diesmal nicht klappt. Neben dir schläft dein Partner längst.
Solche Unterschiede können wehtun. Vor allem dann, wenn du seine Reaktion mit deiner vergleichst.
Warum beschäftigt ihn das nicht so wie mich?
Warum muss immer ich das Gespräch anfangen?
Will er dieses Kind überhaupt genauso sehr wie ich?
Doch zwei Menschen können sich dasselbe wünschen und trotzdem ganz unterschiedlich mit einer belastenden Situation umgehen.
Du möchtest reden, aber dein Partner zieht sich eher zurück
Wenn etwas weh tut, hilft es dir vielleicht, darüber zu sprechen. Du möchtest erzählen, was gerade in dir los ist, deine Gedanken sortieren oder einfach das Gefühl haben, dass jemand mit dir in diesem Moment bleibt.
Dein Partner braucht möglicherweise etwas anderes. Vielleicht wird er still, lenkt sich ab oder versucht, möglichst schnell eine Lösung zu finden. Nicht unbedingt, weil ihn die Situation kaltlässt. Vielleicht ist genau das seine Art, mit etwas umzugehen, das auch er nicht kontrollieren kann.
Schwierig wird es, wenn ihr die Reaktion des anderen aus der eigenen Perspektive deutet.
Du erlebst seinen Rückzug vielleicht als Desinteresse. Er erlebt dein Bedürfnis, immer wieder darüber zu sprechen, möglicherweise als etwas, bei dem er nicht weiss, was er sagen oder tun soll.
Und plötzlich geht es nicht mehr nur um den Kinderwunsch. Es entsteht das Gefühl, vom eigenen Partner nicht verstanden zu werden.
Anders reagieren heisst nicht automatisch weniger fühlen
Besonders nach einer Enttäuschung kann dieser Unterschied gross wirken. Vielleicht weinst du nach einem negativen Schwangerschaftstest und dein Partner räumt die Küche auf. Vielleicht brauchst du nach einem schwierigen Termin erst einmal Ruhe und Nähe, während er schon darüber spricht, welche Möglichkeiten ihr als Nächstes habt. Von aussen kann das wirken, als würde eine Person fühlen und die andere einfach weitermachen. Aber Gefühle zeigen sich nicht bei jedem Menschen gleich.
Manche Menschen sprechen viel, andere wenig. Manche brauchen Nähe, andere erst einmal Abstand. Manche wollen verstehen, was passiert ist, andere richten ihren Blick schnell auf den nächsten Schritt. Das bedeutet nicht, dass du deine Enttäuschung kleinreden sollst oder sein Verhalten immer verstehen musst. Wenn du dir Nähe wünschst und sie nicht bekommst, kann das trotzdem wehtun.
Aber vielleicht hilft der Gedanke, dass anders fühlen und anders zeigen nicht automatisch weniger fühlen bedeutet.
Wenn du dich trotz Partnerschaft allein mit dem Kinderwunsch fühlst
Vielleicht ist dein Partner grundsätzlich für dich da. Und trotzdem hast du manchmal das Gefühl, dass ein grosser Teil dieses Kinderwunsches bei dir bleibt. Du bemerkst Veränderungen in deinem Körper. Du weisst, an welchem Zyklustag du bist. Vielleicht nimmst du Medikamente, gehst zu Untersuchungen oder wartest auf deine Periode. Ein Ziehen im Bauch kann innerhalb von Sekunden Hoffnung auslösen oder Angst.
Währenddessen läuft für deinen Partner vielleicht ein ganz normaler Dienstag.
Genau dieser Unterschied kann einsam machen. Nicht, weil einer von euch etwas falsch macht. Sondern weil du manche Teile dieses Weges sehr unmittelbar erlebst und dir vielleicht wünschst, dass dein Partner von selbst merkt, wie viel gerade in dir passiert.
Wenn du das Gefühl hast, alles im Kopf zu tragen
Manchmal steckt hinter dem Gefühl „Ich bin damit allein“ noch etwas anderes. Vielleicht bist du diejenige, die weiss, wann der nächste Termin ist. Du denkst an Medikamente, Zyklustage, Untersuchungen und Fragen für die Kinderwunschklinik. Du recherchierst Möglichkeiten und überlegst schon, wie sich der nächste Behandlungsschritt mit der Arbeit vereinbaren lässt. Dann geht es nicht nur darum, dass ihr unterschiedlich fühlt. Vielleicht trägst du zusätzlich einen grossen Teil der unsichtbaren Organisation.
Wenn du dich darin wiedererkennst, findest du in meinem Artikel über Mental Load im Kinderwunsch: Warum dein Kopf nicht mehr zur Ruhe kommt und wie du aussteigst mehr darüber, warum sich diese mentale Verantwortung irgendwann so schwer anfühlen kann.
Und manchmal ist es tatsächlich nicht die Organisation. Vielleicht wünschst du dir einfach, dass dein Partner versteht, warum dich eine Schwangerschaftsverkündung heute so trifft oder warum du vor deiner Periode kaum an etwas anderes denken kannst. Dann fehlt dir vielleicht weniger praktische Unterstützung als das Gefühl: Du verstehst, was das gerade mit mir macht.
Was euch helfen kann, euch wieder mehr als Team zu fühlen
Wenn ihr unterschiedlich mit dem Kinderwunsch umgeht, müsst ihr nicht lernen, gleich zu fühlen. Vielleicht wäre das ohnehin unmöglich. Viel hilfreicher kann es sein, langsam besser zu verstehen, was der andere in schwierigen Momenten eigentlich braucht.
Sag, was du brauchst, statt zu hoffen, dass er es merkt
Vielleicht denkst du: Er müsste doch wissen, dass ich jetzt eine Umarmung brauche. Oder: Er müsste doch von selbst fragen, wie es mir nach diesem Termin geht. Das ist verständlich. Gerade vom eigenen Partner wünschen wir uns oft, dass er merkt, wie es uns geht, ohne dass wir es jedes Mal erklären müssen. Nur funktioniert das leider nicht immer. Deshalb kann es helfen, dein Bedürfnis so konkret wie möglich auszusprechen. Statt: „Du interessierst dich überhaupt nicht dafür, wie es mir geht.“ könnte es zum Beispiel heissen: „Ich brauche gerade keine Lösung. Ich möchte dir einfach erzählen, wie es mir damit geht.“ Oder: „Wenn der Test morgen negativ ist, würde es mir helfen, wenn du mich einfach in den Arm nimmst und nicht sofort über den nächsten Zyklus sprichst.“
Damit muss dein Partner nicht erraten, was hinter deiner Reaktion steckt. Und du musst nicht darauf warten, dass er genau im richtigen Moment von selbst das Richtige tut.
Fragt euch, was euch jeweils durch schwierige Momente hilft
Vielleicht hilft dir Nähe, während dein Partner erst einmal Zeit für sich braucht. Vielleicht möchtest du direkt nach einem Termin reden, während er seine Gedanken erst sortieren muss. Beides kann nebeneinander Platz haben. Es kann deshalb hilfreich sein, nicht erst mitten in einem schwierigen Moment darüber zu sprechen. An einem etwas ruhigeren Tag könnt ihr euch fragen:
Was brauche ich meistens, wenn im Kinderwunsch etwas schwierig wird?
Was brauchst du?
Woran kann ich merken, ob du gerade Nähe, ein Gespräch oder etwas Raum brauchst?
Vielleicht stellt ihr dabei fest, dass ihr euch gar nicht so fern seid, wie es sich manchmal anfühlt. Ihr versucht nur auf unterschiedliche Weise, mit derselben Unsicherheit umzugehen.
Nicht jedes Kinderwunschgefühl muss dein Partner auffangen
Es gibt noch einen Gedanken, der entlastend sein kann: Dein Partner muss nicht für jedes Gefühl im Kinderwunsch der richtige Mensch sein.
Vielleicht möchtest du über etwas sprechen, das er nachvollziehen, aber nicht auf dieselbe Weise erleben kann. Vielleicht bist du müde davon, bestimmte Gefühle immer erst erklären zu müssen. Oder du möchtest einmal sagen können: Heute hat mich die Schwangerschaft meiner Freundin richtig getroffen, ohne sofort ein schlechtes Gewissen dafür zu haben.
Das bedeutet nicht, dass mit eurer Beziehung etwas nicht stimmt. Manche Dinge tun einfach gut, wenn du sie mit jemandem teilen kannst, der nicht erst verstehen muss, warum ein negativer Test, eine bevorstehende Periode oder eine scheinbar harmlose Frage so viel auslösen kann.
Wenn du dieses Gefühl von Unverstanden-Sein auch ausserhalb deiner Partnerschaft kennst, findest du in meinem Artikel über Einsamkeit im Kinderwunsch: Warum gut gemeinter Trost oft noch mehr weh tut mehr dazu.
Ihr müsst nicht gleich fühlen, um gemeinsam durch diese Zeit zu gehen
Vielleicht wirst du weiterhin mehr über den Kinderwunsch sprechen wollen als dein Partner. Vielleicht wirst du nach einem negativen Test anders reagieren als er. Und vielleicht gibt es Momente, in denen du dir wünschst, er würde endlich verstehen, wie gross das alles für dich gerade ist. Ihr müsst deshalb nicht lernen, gleich zu reagieren.
Viel wichtiger kann sein, dass ihr die Unterschiede zwischen euch nicht sofort als Zeichen dafür versteht, dass einer von euch mehr hofft, mehr leidet oder sich dieses Kind mehr wünscht. Vielleicht braucht dein Partner Abstand, wenn du Nähe brauchst. Vielleicht versucht er, nach vorne zu schauen, während du erst einmal traurig sein musst.
Das kann anstrengend sein. Aber es bedeutet nicht automatisch, dass ihr auf unterschiedlichen Seiten steht.
Ihr wollt dasselbe. Ihr versucht nur manchmal auf unterschiedliche Weise, mit einer Situation umzugehen, die für euch beide nicht leicht ist.
Und vielleicht entsteht wieder etwas mehr Nähe, wenn nicht mehr die Frage im Mittelpunkt steht: Warum reagierst du nicht wie ich? Sondern: Was brauchst du gerade und was brauche ich?
Du musst nicht alles nur in deiner Partnerschaft tragen
Auch in einer liebevollen Partnerschaft kann es Momente geben, in denen du dich mit deinem Kinderwunsch allein fühlst. Vielleicht gibt es Dinge, die du nicht jedes Mal erklären möchtest. Die Angst vor der nächsten Periode. Das Hoffen vor einem Schwangerschaftstest. Den Stich, wenn jemand im Freundeskreis seine Schwangerschaft verkündet. Oder dieses seltsame Nebeneinander aus Freude für andere und Traurigkeit über das eigene Leben.
Manchmal tut es gut, damit in einem Raum zu sein, in dem andere Frauen nicht erst fragen müssen, warum das so weh tut. Genau dafür gibt es meinen Frauenkreis. Einen geschützten Raum für Frauen mit Kinderwunsch, in dem du mit dem da sein kannst, was dich gerade beschäftigt, ohne dich zusammenreissen oder deine Gefühle erklären zu müssen.
Mehr über den Frauenkreis erfahren
Nicht, weil dein Partner dich nicht verstehen kann. Sondern weil du nicht erwarten musst, dass ein einziger Mensch alles mit dir trägt.
Ihr seid nicht auf unterschiedlichen Seiten
Ein unerfüllter Kinderwunsch kann selbst in einer liebevollen Partnerschaft Momente schaffen, in denen ihr euch plötzlich weit voneinander entfernt fühlt.
Du möchtest reden und dein Partner wird still. Du bist noch mitten in deiner Enttäuschung und er denkt schon über den nächsten Schritt nach. Vielleicht fühlt es sich dann an, als würdest du diesen Kinderwunsch viel mehr tragen. Aber unterschiedliche Reaktionen erzählen nicht automatisch etwas darüber, wie wichtig euch euer gemeinsamer Wunsch ist.
Vielleicht müsst ihr nicht lernen, gleich zu fühlen. Vielleicht geht es vielmehr darum, einander ein bisschen besser zu zeigen, was ihr braucht, und nicht jede andere Reaktion sofort als Distanz zu verstehen.
Ihr könnt denselben Kinderwunsch haben und ihn unterschiedlich erleben. Und trotzdem gemeinsam durch diese Zeit gehen.